Mit Marvel’s Wolverine wagt sich Insomniac Games nach der erfolgreichen Spider-Man-Reihe an einen Marvel-Helden, der kaum unterschiedlicher sein könnte. Während Peter Parker durch New York schwingt und seine Gegner möglichst sauber ausschaltet, kennt Logan deutlich weniger Zurückhaltung. Hier werden Krallen ausgefahren, Knochen gebrochen und Gegner mit einer Brutalität durch die Gegend geschleudert, die man von einem PlayStation-Exclusive dieser Größenordnung nicht unbedingt erwartet hätte. Doch genau darin liegt die größte Stärke von Marvel’s Wolverine: Das Spiel versucht nicht, Spider-Man mit einem anderen Marvel-Charakter zu kopieren. Stattdessen bekommt Logan ein deutlich lineareres Action-Abenteuer, das sich stärker auf seine Figur, seine Vergangenheit und vor allem auf kompromisslose Nahkämpfe konzentriert. Und das funktioniert erstaunlich gut.
Logan ist kein klassischer Superheld. Er ist kaputt, aggressiv und von seiner Vergangenheit gezeichnet. Genau diese Seite seiner Persönlichkeit stellt Insomniac in den Mittelpunkt. Die Geschichte führt uns durch verschiedene Schauplätze und greift dabei zahlreiche bekannte Elemente aus Wolverines Vergangenheit auf. Ohne zu viel zu verraten, geht es um Mutanten, Experimente, alte Feinde und die Frage, wer Logan eigentlich sein möchte. Besonders positiv fällt dabei auf, dass Insomniac Wolverine nicht einfach als unbesiegbaren Badass darstellt. Hinter der harten Fassade steckt ein Charakter, der mit sich selbst und seiner Vergangenheit kämpft. Die Geschichte nimmt sich Zeit, Logan als Menschen zu zeigen.
Dabei erreicht die Handlung allerdings nicht durchgehend das Niveau, das man von Insomniac erwarten könnte. Einige Entwicklungen sind relativ vorhersehbar und manche Nebenfiguren bleiben trotz guter Momente etwas blass. Trotzdem funktioniert die Geschichte insgesamt und sorgt dafür, dass man wissen möchte, wie es weitergeht. Auch die Sprecher liefern eine starke Performance.

Hier sprechen die Krallen
Das Herzstück von Marvel’s Wolverine ist ganz klar das Kampfsystem und verdammt, macht das Spaß. Logan kämpft nicht elegant. Er schlägt zu, reißt Gegner auseinander, schleudert sie durch die Gegend und nutzt seine Umgebung, um noch mehr Schaden anzurichten. Die Adamantium-Krallen fühlen sich dabei angenehm wuchtig an. Treffer haben Gewicht und vermitteln genau das Gefühl, das man sich von Wolverine wünscht. Das Kampfsystem kombiniert normale Angriffe mit Paraden, Ausweichmanövern und verschiedenen Fähigkeiten. Später kommen weitere Möglichkeiten hinzu, die Logan noch gefährlicher machen.
Besonders die Pariermechanik sorgt dafür, dass man nicht einfach nur permanent auf die Angriffstaste hämmert. Wer Angriffe im richtigen Moment abfängt und anschließend kontert, kann sich regelrecht durch Gegnergruppen pflügen.Dazu kommen spektakuläre Finisher, bei denen Insomniac keinerlei Zweifel daran lässt, dass Wolverine nicht gerade zimperlich ist. Die Gewalt ist dabei kein reiner Selbstzweck. Sie passt zur Figur und unterscheidet das Spiel deutlich von Spider-Man. Allerdings gibt es ein Problem: Das Kampfsystem nutzt sich mit der Zeit etwas ab. Die Kämpfe machen zwar auch nach mehreren Stunden noch Spaß, die Gegnervielfalt und die grundlegende Struktur verändern sich aber nicht stark genug. Gerade gegen Ende kann sich manche Begegnung deshalb etwas nach Wiederholung anfühlen.

Keine Open World und das ist gut so
Wer nach Marvel’s Wolverine eine weitere riesige Open World erwartet, dürfte überrascht sein. Insomniac setzt diesmal auf eine deutlich linearere Struktur. Statt minutenlang durch eine Karte zu laufen, Nebenaktivitäten abzuarbeiten oder irgendwelche Sammelobjekte einzusammeln, geht es meistens direkt weiter und genau das tut dem Spiel gut. Wolverine weiß ziemlich genau, was es sein möchte. Action, Story und spektakuläre Set-Pieces stehen im Vordergrund. Dadurch entsteht ein deutlich höheres Tempo als bei vielen Open-World-Spielen.
Natürlich gibt es auch kleinere Erkundungsabschnitte und optionale Inhalte. Sie erreichen aber nicht die Bedeutung, die Nebenaktivitäten in Spider-Man haben. Die rund 15 Stunden Spielzeit fühlen sich dadurch angenehm kompakt an. Je nach Spielweise und Schwierigkeitsgrad kann man natürlich länger unterwegs sein, aber Insomniac zieht die Kampagne nicht künstlich in die Länge.

Wolverine sieht verdammt gut aus
Technisch spielt Marvel’s Wolverine ganz weit oben mit. Insomniac zeigt erneut, was aus der PS5 herauszuholen ist. Die Charaktermodelle sehen hervorragend aus, Animationen wirken unglaublich flüssig und gerade die detaillierten Schauplätze sorgen immer wieder für beeindruckende Momente. Besonders die Darstellung von Logan profitiert davon. Blut, Wunden, Fell, Kleidung und Umgebung wirken enorm detailliert.
Auf der PS5 Pro gibt es zusätzliche technische Vorteile und verschiedene Grafikmodi. Der Performance-Fokus ermöglicht dabei 60 FPS mit Raytracing, während entsprechende Qualitätsmodi stärker auf Auflösung und Details setzen. Auch auf der normalen PS5 steht ein 60-FPS-Modus zur Verfügung. Gerade in einem schnellen Actionspiel sind die 60 FPS für uns aber die klar bessere Wahl.

Die Welt zwischen Spektakel und Schlauch
So beeindruckend die Schauplätze auch aussehen, beim Leveldesign merkt man teilweise, dass Wolverine deutlich linearer aufgebaut ist. Das ist grundsätzlich kein Problem. Im Gegenteil: Wir begrüßen es sogar, dass Insomniac nicht zwanghaft eine riesige Welt eingebaut hat. Allerdings nimmt das Spiel den Spieler stellenweise sehr stark an die Hand. Wege werden häufig offensichtlich markiert und die Orientierung fällt entsprechend leicht. Wer gerne selbst herausfindet, wo es weitergeht, bekommt hier weniger Freiraum.
Auch manche Abschnitte zwischen den großen Kämpfen fühlen sich eher wie notwendige Verbindungsstücke an. Das ist kein großes Problem, verhindert aber, dass Wolverine spielerisch genauso abwechslungsreich bleibt wie seine Inszenierung.

Fazit
Marvel’s Wolverine ist nicht das nächste Spider-Man und genau das ist seine größte Stärke. Insomniac Games nimmt Logan und baut um ihn herum ein kompromissloses Actionspiel, das sich deutlich brutaler und persönlicher anfühlt als die bisherigen Marvel-Abenteuer des Studios. Die Kämpfe sind wuchtig, die Inszenierung beeindruckend und die Geschichte schafft es trotz einiger vorhersehbarer Momente, Wolverine als Charakter interessant zu machen.
Besonders gut gefällt uns dabei die Entscheidung, auf eine riesige Open World zu verzichten. Wolverine hat keinen unnötigen Ballast. Es will euch nicht mit hundert Nebenaufgaben beschäftigen, sondern euch eine konzentrierte Singleplayer-Erfahrung liefern.
Leider verliert das Kampfsystem im späteren Verlauf etwas an Wirkung. Die Gegnervielfalt könnte größer sein und auch bei den spielerischen Möglichkeiten wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert gewesen. Einige Abschnitte ziehen sich dadurch etwas. Trotzdem bleibt am Ende ein verdammt unterhaltsames Actionspiel.
Wer Wolverine mag, bekommt hier vermutlich genau das Spiel, auf das er gewartet hat: brutal, direkt, technisch beeindruckend und mit ordentlich Adamantium in den Klauen.
Marvel’s Wolverine ist vielleicht nicht das abwechslungsreichste Spiel von Insomniac. Aber wenn Logan seine Krallen ausfährt, macht es verdammt viel Spaß, dabei zuzusehen.











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