SiN Reloaded ist zurück. Fast drei Jahrzehnte nach dem ursprünglichen Release von 1998 bekommt der Kult-Shooter von Ritual Entertainment eine neue Chance. Verantwortlich dafür ist einmal mehr Nightdive Studios, die sich bereits mit zahlreichen Remaster-Projekten einen Namen gemacht haben. Statt aus SiN einen komplett neuen Shooter zu machen, bleibt Reloaded erstaunlich nah an seinen Wurzeln und genau das ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine größte Schwäche. Denn SiN Reloaded fühlt sich stellenweise so an, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben. Gleichzeitig wurden viele der alten Ecken und Kanten abgeschliffen, die das Original heute deutlich schwerer zugänglich machen würden. Herausgekommen ist ein Shooter, der seine 90er-DNA nicht versteckt, sondern regelrecht feiert.
Wir übernehmen erneut die Rolle von Colonel John R. Blade, einem ziemlich selbstbewussten Sicherheitsprofi, der sich durch eine dystopische Zukunft voller Gangster, Mutanten und einer größenwahnsinnigen Megakonzernchefin ballert. Im Mittelpunkt steht SiNTEK und deren mysteriöse Droge U4. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Einsatz beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Verschwörung rund um genetische Experimente und eine Armee mutierter Gegner. Mit Elexis Sinclaire wartet dabei eine herrlich überzeichnete Gegenspielerin auf Blade.
Die Story nimmt sich dabei nie wirklich ernst. John Blade verteilt einen Spruch nach dem anderen, die Charaktere sind teilweise komplett überzeichnet und die gesamte Inszenierung schreit förmlich nach einem Actionfilm der späten 90er. Wer mit dem Humor von Duke Nukem, klassischen Actionhelden und entsprechendem Trash-Faktor nichts anfangen kann, dürfte hier regelmäßig mit den Augen rollen. Wer sich darauf einlässt, bekommt dagegen eine charmante Zeitreise. Besonders schön: Neben der Hauptkampagne ist auch Wages of Sin enthalten. Die Erweiterung setzt die Geschichte fort und bringt zusätzliche Missionen, Gegner und Gameplay-Elemente mit. Insgesamt bekommt ihr dadurch deutlich mehr als nur eine kurze Nostalgie-Reise.

Ballern wie 1998
Das Herzstück von SiN Reloaded ist und bleibt das Gunplay. Und hier zeigt Nightdive, warum das Original damals trotz seiner technischen Probleme einen gewissen Kultstatus erreichen konnte. Die Waffen fühlen sich überraschend wuchtig an. Treffer haben ordentlich Feedback und gerade die Schrotflinte macht auch heute noch das, was eine gute Shotgun machen sollte: Gegner in Einzelteile zerlegen. Besonders interessant sind die unterschiedlichen Trefferzonen.´Schüsse auf verschiedene Körperteile können unterschiedliche Reaktionen auslösen. Ein gut platzierter Kopfschuss ist entsprechend wesentlich effektiver als wildes Dauerfeuer. Gleichzeitig besitzen sowohl Blade als auch manche Gegner unterschiedliche Körperbereiche, die geschützt werden können.
Das sorgt für etwas mehr taktische Tiefe, als man zunächst erwarten würde. Auch das Waffenarsenal kann sich sehen lassen. Neben klassischen Pistolen und Maschinengewehren gibt es unter anderem Scharfschützengewehre, Flammenwerfer und futuristischere Waffen. Mit den modernen Anpassungen fühlt sich das gesamte Arsenal deutlich angenehmer an als im ursprünglichen Spiel. Ein weiterer Pluspunkt ist das überarbeitete Waffenhandling. Die Steuerung wurde für moderne Systeme angepasst und funktioniert auch mit Controller deutlich zeitgemäßer. Auf der PS5 gibt es beispielsweise eine moderne Twin-Stick-Steuerung inklusive Waffen- und Item-Rad. Das klingt nach einer Kleinigkeit, macht im Alltag aber einen enormen Unterschied.

Mehr als nur stumpfes Ballern
Was SiN schon 1998 etwas von anderen Shootern unterschieden hat, ist die Tatsache, dass nicht jede Mission einfach nach dem Prinzip „reinlaufen und alles erschießen“ funktioniert. Es gibt mehrere Ziele, alternative Wege und teilweise unterschiedliche Möglichkeiten, wie ihr eine Situation angehen könnt. An einigen Stellen könnt ihr euch beispielsweise durch eine Einrichtung schießen, während an anderer Stelle ein Umweg oder sogar ein Stealth-Ansatz möglich ist. Dazu kommen kleinere Rätsel, Computerterminals und unterschiedliche Interaktionen mit der Umgebung. Auch Fahrzeuge tauchen immer wieder auf und sorgen für etwas Abwechslung. Das ist heute natürlich nichts Außergewöhnliches mehr. Für einen Shooter aus dem Jahr 1998 war diese Mischung allerdings durchaus ambitioniert. Und auch heute sorgt sie dafür, dass SiN Reloaded nicht komplett wie ein eindimensionaler Boomer Shooter wirkt.
Hier merkt man SiN Reloaded sein Alter allerdings deutlich stärker an. Die Level sind grundsätzlich abwechslungsreich genug und bieten immer wieder interessante Situationen. Trotzdem bewegen wir uns häufig durch relativ klassische Industrieanlagen, Straßen und Innenbereiche. Gerade im Vergleich zu modernen Shootern wirken manche Abschnitte teilweise etwas leer oder unnötig verwinkelt. Auch die Gegner-KI ist nicht unbedingt auf dem Niveau moderner Produktionen. Manche Gegner reagieren überraschend gut, andere stehen dagegen gefühlt einfach herum oder schaffen es, euch aus teilweise fragwürdigen Positionen unter Beschuss zu nehmen. Einige Reviews bemängeln genau diese Momente und auch wir müssen festhalten: Hier hätte Nightdive an einigen Stellen noch stärker Hand anlegen können. Das gehört allerdings auch ein Stück weit zum Charme. SiN Reloaded möchte kein komplett modernisierter Shooter sein. Es möchte SiN bleiben.

Grafisch mehr Politur als Remaster
Wer hier einen komplett neuen Look auf Basis einer modernen Engine erwartet, sollte seine Erwartungen etwas zurückschrauben. Nightdive hat die Optik sichtbar verbessert. Texturen wurden überarbeitet, Modelle und Animationen angepasst und die Darstellung wirkt auf moderner Hardware deutlich schärfer. Gleichzeitig bleibt der ursprüngliche Look erhalten und das ist eine gute Entscheidung. Denn gerade die leicht überzeichnete Optik passt hervorragend zum Cyberpunk-Setting. Die Welt wirkt bunt, dreckig und teilweise angenehm absurd. Besonders die späteren Abschnitte und die Unterwasserbereiche profitieren von der Überarbeitung. Trotzdem bleibt jederzeit sichtbar, dass wir hier ein Spiel aus dem Jahr 1998 spielen. Das ist kein SiN in Unreal Engine 5. Und das soll es offenbar auch gar nicht sein. Besonders gelungen ist die Möglichkeit, zwischen moderner und klassischer Darstellung umzuschalten. Dadurch könnt ihr praktisch direkt nachvollziehen, was Nightdive verändert hat. Wer es noch nostalgischer möchte, kann zahlreiche Verbesserungen einzeln deaktivieren. Das ist genau die Art von Freiheit, die wir uns bei einem Remaster wünschen.
Wo SiN Reloaded besonders stark punktet, ist die Modernisierung unter der Haube. Die Steuerung fühlt sich zeitgemäß an, das Waffenhandling wurde verbessert und zahlreiche Komfortfunktionen machen die Kampagne deutlich angenehmer. Auch die ursprünglichen Schwächen beim Schwierigkeitsgrad wurden teilweise entschärft. Gerade das ist wichtig. Das originale SiN konnte gegen Ende teilweise unnötig brutal werden und zwang Spieler nicht selten dazu, ständig zu speichern und zu laden. Reloaded versucht hier, die Balance deutlich fairer zu gestalten, ohne den Anspruch komplett herauszunehmen. Auch technisch läuft das Spiel auf moderner Hardware sehr ordentlich. Die überarbeitete Version unterstützt hohe Auflösungen und hohe Bildraten, wobei aktuelle Tests insbesondere die sehr gute Performance loben.

Fazit
SiN Reloaded ist kein Remake, das versucht, das Jahr 1998 vergessen zu machen. Ganz im Gegenteil.
Nightdive nimmt die Eigenheiten des Originals und poliert sie so weit auf, dass der Shooter auch 2026 noch angenehm spielbar ist. Das Gunplay macht Spaß, die Waffen fühlen sich ordentlich an und die Mischung aus klassischen Shootouts, Fahrzeugabschnitten, alternativen Wegen und kleinen Gameplay-Experimenten sorgt für mehr Abwechslung, als man einem fast 30 Jahre alten Shooter vielleicht zutrauen würde. Dazu kommen die komplette Hauptkampagne, Wages of Sin, Multiplayer und ein beeindruckendes Archiv an Bonusmaterial. Perfekt ist SiN Reloaded trotzdem nicht. Das Leveldesign wirkt stellenweise altbacken, die Gegner-KI hat ihre schwachen Momente und auch die Grafiküberarbeitung fällt insgesamt eher behutsam aus. Wer moderne Shooter mit komplexen Systemen und hochmoderner Präsentation erwartet, wird hier vermutlich nicht glücklich. Wer dagegen Bock auf einen klassischen 90er-FPS hat, bekommt genau das, was auf der Verpackung steht.
SiN Reloaded ist dreckig, laut, überdreht und herrlich oldschool.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Shooter nach fast drei Jahrzehnten immer noch funktioniert.











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