The Sinking City 2 ist eine mutige Neuausrichtung einer Reihe, die ursprünglich vor allem für ihre Detektivarbeit und ihre ungewöhnliche Lovecraft-Welt bekannt war. Statt erneut eine große Open-World voller Ermittlungen, Nebenfiguren und frei erkundbarer Straßen zu bauen, setzt Frogwares diesmal konsequent auf Survival-Horror. Das Ergebnis ist ein Spiel, das sich deutlich stärker an Resident Evil, Silent Hill und klassischem Survival-Horror orientiert und dabei trotzdem genug von der eigenen Identität bewahrt, um nicht vollständig wie eine Kopie zu wirken. Doch war der radikale Kurswechsel die richtige Entscheidung?
Die Geschichte führt uns in das Jahr 1929. Der Protagonist Calvin Rafferty macht sich auf die Suche nach seiner Partnerin Faye Bennett, die nach einem mysteriösen Ritual in einem komaähnlichen Zustand gefangen ist. Seine Suche führt ihn nach Arkham, eine Stadt, die längst nicht mehr mit dem Arkham vergleichbar ist, das man aus klassischen Lovecraft-Erzählungen kennt. Die Stadt ist überflutet, verlassen und von grotesken Kreaturen bevölkert. Was zunächst wie eine Rettungsmission beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Reise durch eine Welt, in der Realität, Traum und kosmischer Horror immer stärker miteinander verschmelzen.

Frogwares erzählt die Geschichte dabei wesentlich konzentrierter als im Vorgänger. Statt permanent zwischen unzähligen NPCs, Ermittlungen und Nebenfällen hin und her zu wechseln, steht diesmal Calvins persönliche Geschichte deutlich stärker im Mittelpunkt. Das funktioniert überraschend gut. Allerdings fehlt dem Spiel dadurch auch ein Teil dessen, was The Sinking City ursprünglich besonders gemacht hat. Die großen Ermittlungen und das Gefühl, eine lebendige Stadt als Detektiv auseinanderzunehmen, treten deutlich in den Hintergrund. Frogwares hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Untersuchungselemente diesmal stärker als optionale Ergänzung einzusetzen. Wer ihnen folgt, erhält zusätzliche Informationen, alternative Wege, Ressourcen und Lore. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung, dürfte Fans des ersten Teils aber trotzdem spalten.

Resident Evil trifft Lovecraft
Schon nach wenigen Minuten wird klar, wohin die Reise geht. The Sinking City 2 ist Survival-Horror. Und zwar wesentlich konsequenter als sein Vorgänger. Die Level sind deutlich kompakter aufgebaut und erinnern mit ihren verschachtelten Wegen, verschlossenen Türen, Abkürzungen und versteckten Ressourcen an moderne Resident-Evil-Spiele. Gleichzeitig sorgen die grotesken Kreaturen und die Lovecraft-Mythologie dafür, dass das Spiel seinen eigenen Charakter besitzt. Gerade die Erkundung gehört zu den größten Stärken. Arkham wirkt nicht wie ein klassischer Videospiel-Schauplatz, sondern wie ein Ort, an dem etwas grundsätzlich falsch läuft. Verlassene Gebäude, überschwemmte Straßen, heruntergekommene Innenräume und bizarre unterirdische Bereiche erzeugen eine permanente Atmosphäre der Unsicherheit. Man weiß nie genau, ob hinter der nächsten Tür Munition, ein Rätsel oder ein Monster wartet. Und genau dieses Gefühl ist für Survival-Horror entscheidend.

Die Monster sind der Star
Wenn es eine Kategorie gibt, in der Frogwares besonders beeindruckt, dann sind es die Gegner. Die Kreaturen wirken nicht einfach wie austauschbare Horror-Gegner, sondern passen hervorragend zum Lovecraft-Setting. Besonders die grotesken Körperformen und die teilweise verstörenden Bewegungsanimationen sorgen für einige unangenehme Momente. Einige Gegner verfügen zudem über Mechaniken, die Begegnungen deutlich gefährlicher machen. Dazu gehören unter anderem die vom sogenannten Slither befallenen Kreaturen, die andere Leichen wiederbeleben können und dadurch selbst nach einem vermeintlich erfolgreichen Kampf noch für Überraschungen sorgen. Dadurch entsteht ein angenehmer Wechsel aus Erkundung und Anspannung. Man läuft nicht einfach von Gegnergruppe zu Gegnergruppe.Man fragt sich ständig: „Ist es wirklich tot?“ Und manchmal lautet die Antwort ganz eindeutig: Nein.

Kämpfe mit Licht und Schatten
So gut die Kämpfe insgesamt funktionieren, ganz auf dem Niveau der großen Genrevertreter ist Frogwares noch nicht. Das Gunplay wurde gegenüber dem Vorgänger massiv verbessert und fühlt sich deutlich kontrollierter an. Ausweichen spielt ebenfalls eine größere Rolle und gibt den Begegnungen mehr Dynamik. Trotzdem fehlt manchen Waffen etwas Wucht. Gerade wenn man moderne Resident-Evil-Spiele gewohnt ist, fühlen sich bestimmte Treffer teilweise etwas weniger befriedigend an. Die Gegner reagieren zwar sichtbar auf Beschuss, aber das Trefferfeedback könnte an einigen Stellen noch präziser und kräftiger ausfallen. Auch die Bosskämpfe sind nicht immer so kreativ wie die normalen Begegnungen. Sie funktionieren, bleiben aber teilweise etwas zu sehr im klassischen Muster aus Angriffen ausweichen, Schwachstelle treffen und wiederholen. Das ist kein großes Problem, verhindert aber, dass das Kampfsystem wirklich zu den ganz großen Vertretern des Genres aufschließt.

Eine fantastische Atmosphäre
Technisch hat Frogwares einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. The Sinking City 2 wurde mit der Unreal Engine 5 entwickelt und nutzt unter anderem Nanite, Lumen, MetaHuman, World Partition und weitere moderne Technologien. Frogwares wollte damit insbesondere detailliertere Umgebungen und glaubwürdigere Charaktere erschaffen. Und das sieht man. Arkham gehört zu den stärksten Elementen des Spiels. Die Architektur, die Beleuchtung und die zahlreichen kleinen Details erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, die sich hervorragend mit dem Lovecraft-Setting verbindet. Gerade die Innenräume sind teilweise beeindruckend detailliert. Feuchtigkeit, Blut, Schmutz, zerstörte Möbel und unheimliche Beleuchtung lassen viele Bereiche unglaublich authentisch wirken. Auch die Gesichtsanimationen haben gegenüber früheren Frogwares-Spielen einen deutlichen Sprung gemacht.

Natürlich gibt es noch kleinere technische Ungereimtheiten. Einige Animationen wirken stellenweise etwas steif und nicht jede Szene erreicht das Niveau eines AAA-Produkts. Aber genau hier sollte man die Rahmenbedingungen berücksichtigen. Frogwares ist kein gigantisches AAA-Studio. Dass das ukrainische Entwicklerteam unter extrem schwierigen Bedingungen ein derart ambitioniertes Spiel auf die Beine gestellt hat, ist bemerkenswert. Auch andere Reviews heben die technische und kreative Leistung des Studios unter diesen Umständen hervor.

Fazit
The Sinking City 2 ist nicht die Fortsetzung, die ich nach dem ersten Teil erwartet hätte. Und vielleicht ist genau das seine größte Überraschung. Frogwares hat nicht versucht, die Schwächen des Vorgängers einfach auszubessern und anschließend dasselbe Spiel noch einmal zu bauen. Stattdessen wurde das komplette Konzept umgekrempelt. Aus einem Open-World-Detektivspiel mit Horror-Elementen wurde ein konzentriertes Survival-Horror-Abenteuer. Und überraschenderweise funktioniert das verdammt gut.
Das Spiel überzeugt mit einer starken Lovecraft-Atmosphäre, hervorragendem Leveldesign, grotesken Kreaturen, sinnvoller Ressourcenverwaltung und einer deutlich besseren technischen Umsetzung. Besonders Arkham selbst ist eine der großen Stärken des Spiels. Dem gegenüber stehen ein teilweise etwas oberflächliches Crafting-System, nicht immer perfekte Kämpfe, kleinere technische Ecken und Kanten sowie die Tatsache, dass die Ermittlungsmechaniken des Vorgängers deutlich an Bedeutung verlieren.
The Sinking City 2 ist dadurch weniger einzigartig als sein Vorgänger – aber gleichzeitig das deutlich bessere Survival-Horror-Spiel. Wer Resident Evil, Silent Hill und Lovecraft liebt, sollte sich Frogwares’ Rückkehr nach Arkham definitiv ansehen. Fans des ersten Teils müssen sich dagegen darauf einstellen, dass sie ein ziemlich anderes Spiel bekommen. Für mich geht die Neuausrichtung trotzdem auf. Frogwares hat aus The Sinking City 2 keinen perfekten Survival-Horror gemacht. Aber einen verdammt atmosphärischen.











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